
Zervikalsyndrom (HWS‑Syndrom)
Das Zervikalsyndrom, auch HWS-Syndrom genannt, fasst Beschwerden der Halswirbelsäule zusammen: Nackenschmerzen, ein steifer Nacken, eingeschränktes Drehen des Kopfes und Schmerzen, die in Hinterkopf, Schultern oder Arme ziehen. Meist findet sich keine einzelne Ursache wie ein Bandscheibenvorfall; häufig genannt werden verspannte Muskeln, eine nach vorn geschobene Kopfhaltung und viel Sitzen. Sie sind weit verbreitet (Fejer et al., 2006; Hogg-Johnson et al., 2008) und kommen oft wieder: Die Hälfte bis drei Viertel der Betroffenen berichten ein bis fünf Jahre später erneut von Nackenschmerzen (Carroll et al., 2008).
Wie Halswirbelsäule und Kiefer zusammenarbeiten
- Tiefe Halsbeuger: liegen vorn direkt an der Wirbelsäule und halten den Kopf aufrecht über dem Rumpf.
- Kurze Nackenmuskeln: verbinden Hinterkopf und oberste Halswirbel und steuern feine Kopfbewegungen.
- Kopfnicker (M. sternocleidomastoideus): zieht seitlich am Hals vom Knochen hinter dem Ohr zu Brustbein und Schlüsselbein und dreht und neigt den Kopf.
- Trapezmuskel: spannt sich vom Hinterkopf über die Schultern und hebt die Schultern.
Wie beides zusammenhängt, ist nicht abschließend geklärt.
Symptome beim HWS‑Syndrom
- Nackenschmerzen, steifer Nacken
- Eingeschränkte Beweglichkeit beim Drehen, Neigen oder Heben des Kopfes
- Ausstrahlende Schmerzen in Schultern, Arme oder Hinterkopf
- Kopfschmerzen, die vom Nacken nach vorn ziehen (→ Kopfschmerzen)
- Nackenschmerzen zusammen mit Kieferschmerzen oder Zähnepressen
- Kribbeln oder Taubheit in den Fingern, wenn Nerven beteiligt sind
- Manchmal Schwindel oder Ohrgeräusche (→ Schwindel, Tinnitus)
Ursachen des Zervikalsyndroms
- Haltung: Eine dauerhaft nach vorn geneigte Kopfhaltung („Handy-Nacken“) erhöht den Zug auf Muskulatur und Gewebe im Nacken.
- Einseitige Belastung: Lange Bildschirmarbeit und wenig Bewegung belasten Nacken- und Schultermuskulatur.
- Stress: Unter Stress spannen manche Nacken, Schultern und Kiefer gleichzeitig an.
- Schleudertrauma und Verletzungen: Verletzungen der Halswirbelsäule führen häufig zu Muskelverspannungen und Bewegungseinschränkungen.
- Verschleiß: Veränderungen wie Arthrose oder Bandscheibenvorwölbungen können Reizzustände verursachen.
Wie wird ein Zervikalsyndrom behandelt?
Ohne Warnzeichen gilt: in Bewegung bleiben. Leitlinien empfehlen bei Nackenschmerzen Aufklärung, Bewegung und Übungen, oft kombiniert mit manueller Therapie (Côté et al., 2016). Dabei arbeiten zusammen:
- Hausärztin, Hausarzt oder Orthopädie: klären die Ursache und schließen ernste Ursachen aus.
- Physiotherapie: mobilisiert die Halswirbelsäule, kräftigt die tiefen Halsmuskeln, lockert verspannte Muskeln und übt Haltung im Alltag.
- Zahnärztin oder Zahnarzt: wenn Kieferschmerzen, Pressen oder Knirschen mit hineinspielen.
Übungen aus der CRANii App zum Thema Zervikalsyndrom
Die folgenden Videos aus der CRANii App zeigen Übungen für Hals, Nacken und Kopfhaltung. Ob sie für dich passen, hängt von der Ursache ab. Lass neue, starke oder anhaltende Nackenschmerzen zuerst ärztlich abklären; nach einem Unfall oder bei Taubheitsgefühlen übst du erst nach ärztlicher Freigabe.
Turtle Neck
Übung für die tiefe Halsmuskulatur und die Kopfhaltung.
Head Side Rotation
Kontrollierte seitliche Kopfdrehungen für Hals und Nacken. Basic Exercises, 3 Minuten.
Alle Videos findest du in der CRANii App, Studios und Praxen mit CRANii Angebot unter Standorte.
Was du im Alltag für Nacken und Kiefer tun kannst
- In Bewegung bleiben: den Nacken im Alltag normal bewegen, auch wenn er zieht.
- Bildschirm auf Augenhöhe: damit der Kopf über dem Rumpf bleibt.
- Pausen: jede Stunde aufstehen, Schultern kreisen lassen, den Kopf langsam nach beiden Seiten drehen.
- Kiefer locker: Zähne auseinander, Zunge am Gaumen.
- In den Bauch atmen: ein paar Mal am Tag die Hand auf den Bauch legen und spüren, wie er sich hebt.
- Stressausgleich und guter Schlaf, mit einem Kopfkissen, das den Nacken stützt.
Wann Nackenschmerzen abgeklärt werden sollten
Lass Nackenschmerzen ärztlich abklären, wenn
- sie nach einem Unfall oder Sturz auftreten. Dann such sofort ärztliche Hilfe.
- Kribbeln, Taubheit oder Kraftverlust in Armen oder Händen oder Gangunsicherheit dazukommen,
- Fieber, ein steifer Nacken und starke Kopfschmerzen gemeinsam auftreten. Dann such sofort ärztliche Hilfe.
- plötzlich stärkste Kopf- oder Nackenschmerzen, Seh- oder Sprachstörungen auftreten. Dann wähle den Notruf 144.
- die Schmerzen nachts zunehmen oder du ungewollt Gewicht verlierst,
- die Beschwerden über mehrere Wochen nicht besser werden.
Spielen Kieferpressen, Zähneknirschen oder Kieferschmerzen mit hinein, ist zusätzlich eine zahnärztliche Untersuchung sinnvoll. Nach einem Unfall oder bei Taubheitsgefühlen übst du erst nach ärztlicher Abklärung; eine Diagnose ersetzen die Übungen nicht.
Häufige Fragen zum Zervikalsyndrom
Können Nackenschmerzen vom Kiefer kommen?
Lass bei Nackenschmerzen mit Kieferbeschwerden beides untersuchen.
Was ist der Unterschied zwischen Zervikalsyndrom und Bandscheibenvorfall?
Zervikalsyndrom ist ein Sammelbegriff für Beschwerden der Halswirbelsäule. Ein Bandscheibenvorfall ist eine von mehreren möglichen Ursachen und wird ärztlich mit Untersuchung und bei Bedarf Bildgebung festgestellt.
Quellen
Hogg-Johnson S et al. (2008): The burden and determinants of neck pain in the general population. Spine. PMID 18204398. PubMed
Fejer R et al. (2006): The prevalence of neck pain in the world population: a systematic critical review of the literature. Eur Spine J. PMID 15999284. PubMed
Carroll LJ et al. (2008): Course and prognostic factors for neck pain in the general population. Spine. PMID 18204403.
Côté P et al. (2016): Management of neck pain and associated disorders: A clinical practice guideline from the OPTIMa Collaboration. Eur Spine J. PubMed