Frau mit langen Haaren hält sich im Bett die Schläfen

Schmerzlexikon

Kopfschmerzen

Wenn Kopfschmerzen vom Kiefer kommen

Kopfschmerzen vom Kiefer gibt es als eigene Diagnose: Die internationale Kopfschmerzklassifikation führt einen Kopfschmerz, der einer Funktionsstörung von Kiefergelenk oder Kaumuskeln (CMD) zugeschrieben wird. Er sitzt meist an der Schläfe, wird bei Kieferbewegungen wie Kauen stärker und lässt sich durch Druck auf die Kaumuskeln auslösen (Headache Classification Committee, 2018). Davon getrennt ist der Spannungskopfschmerz, die häufigste Kopfschmerzform. Beides kann gemeinsam auftreten. Plötzliche, sehr starke Kopfschmerzen sind ein Notfall.

Kiefer und Kopfschmerz: was bekannt ist

Der Schläfenmuskel (M. temporalis) ist einer der kräftigsten Kaumuskeln. Er liegt fächerförmig seitlich am Kopf, von der Schläfe über dem Ohr bis zum Unterkiefer, und schließt den Mund. Der Masseter liegt an der Wange.

Für den Kopfschmerz, der einer CMD zugeschrieben wird, nennt die Klassifikation unter anderem diese Merkmale: Der Schmerz liegt an der Schläfe, er hat zeitlich mit der CMD begonnen oder sich mit ihr verändert, und Kieferbewegungen, Kauen oder Druck auf Schläfen- und Kaumuskel lösen den bekannten Schmerz aus oder verstärken ihn (Headache Classification Committee, 2018). Mehr zur Kieferseite unter CMD.

Beim Spannungskopfschmerz ist die Muskulatur an Kopf und Nacken häufig druckempfindlich. Er ist trotzdem eine eigene Diagnose und nicht dasselbe wie ein Kopfschmerz durch den Kiefer.

Häufige Kopfschmerz­formen

Fachleute unterscheiden primäre Kopfschmerzen, die eine eigene Erkrankung sind, etwa Spannungskopfschmerz und Migräne, von sekundären Kopfschmerzen, die Folge einer anderen Ursache sind, etwa einer CMD oder der Halswirbelsäule (Headache Classification Committee, 2018).

  • Spannungskopfschmerzen: dumpf und drückend, meist auf beiden Seiten, oft wie ein enges Band um den Kopf. Bewegung macht ihn nicht schlimmer. Manchmal ist auch die Kopfhaut empfindlich (→ Kopfhautschmerz).
  • Kopfschmerz bei Kieferproblemen: Druck oder Ziehen an den Schläfen, oft zusammen mit Kieferschmerzen, Kieferknacken oder müden Kaumuskeln. Er wird beim Kauen oder Pressen stärker.
  • Zervikogener Kopfschmerz: meist einseitig, zieht vom Nacken in Hinterkopf, Stirn oder Augenregion. Er geht von der Halswirbelsäule aus (Bogduk, 2001; → Zervikalsyndrom).
  • Migräne: pulsierend, häufig einseitig, verstärkt durch Bewegung und oft mit Übelkeit sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit. Manche haben vorher Sehstörungen (→ Augenmigräne).

Typische Beschwerden bei Kopfschmerzen vom Kiefer

  • Druck oder Ziehen an den Schläfen
  • Kopfschmerzen an Schläfe und Kiefer gleichzeitig
  • Schmerz, der beim Kauen, Gähnen oder Pressen stärker wird
  • Kopfschmerzen am Morgen nach einer Nacht mit Zähneknirschen
  • Dazu oft Kieferschmerzen, Kieferknacken oder müde Kaumuskeln

Ursachen und Auslöser

  • Zähnepressen und Bruxismus: werden mit Kopfschmerzen an den Schläfen in Verbindung gebracht (→ Bruxismus).
  • Kiefergelenk und Kaumuskeln: Funktionsstörungen im Kausystem, siehe CMD.
  • Kopfhaltung: Ein nach vorn geschobener Kopf und langes Sitzen werden als Einflüsse diskutiert.
  • Stress, Schlafmangel und Hormone: Belastung, unregelmäßiger Schlaf und hormonelle Schwankungen können Kopfschmerzen auslösen.
  • Augen: Lange Bildschirmarbeit und eine nicht korrigierte Fehlsichtigkeit können Kopfschmerzen begünstigen (→ Augenprobleme).
  • Häufige Schmerzmittel: Wer sehr oft Schmerzmittel nimmt, kann dadurch selbst Kopfschmerzen bekommen.

Kopfschmerzen durch den Kiefer: Was tun?

Kopfschmerzen, die mit Kiefer und Nacken zusammenhängen, klären und behandeln oft mehrere Fachrichtungen gemeinsam:

  • Hausärztin, Hausarzt oder Neurologie: stellen fest, um welche Kopfschmerzform es sich handelt, und schließen andere Ursachen aus.
  • Zahnärztin oder Zahnarzt: prüft Kiefergelenk, Kaumuskeln und Zähne auf Pressen und Knirschen, bei Bedarf mit Aufbissschiene.
  • Physiotherapie: behandelt Kau- und Nackenmuskeln, mobilisiert Halswirbelsäule und Kiefer und übt Haltung und Entspannung.

Für Spannungskopfschmerzen nennen ärztliche Leitlinien nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Entspannungsverfahren und Physiotherapie als Möglichkeit (Bendtsen et al., 2010).

Übungen aus der CRANii App zum Thema Kopfschmerzen

Ob Übungen bei deinen Kopfschmerzen sinnvoll sind, muss nach der Ursache beurteilt werden. Die folgenden Videos aus der CRANii App zeigen Übungen für Kiefer, Stirn und Gesicht. Neue, starke oder veränderte Kopfschmerzen lässt du deshalb zuerst ärztlich abklären.

Die Videos findest du in der CRANii App, alle Übungen unter CRANii Kiefertraining. Probier sie in Ruhe aus. Wird dir dabei schwindlig oder übel, brich die Übung ab. Lass wiederkehrende Beschwerden abklären. Fachleute, die diese Griffe in ihrer Arbeit einsetzen wollen, lernen sie im CRANii Minikurs Kopfhaut und Kopfschmerz.

Was du im Alltag bei Kopfschmerzen vom Kiefer tun kannst

  • Kiefer locker: Zungenspitze an den Gaumen, Zähne auseinander. Prüf das, sobald du den Druck an der Schläfe spürst.
  • Bildschirmpausen: Jede Stunde kurz aufstehen, die Schultern kreisen lassen und in die Ferne schauen.
  • Bildschirm auf Augenhöhe: damit der Kopf nicht nach vorn sinkt.
  • Trinken, Tageslicht, Bewegung: regelmäßig, auch an vollen Tagen.
  • Kopfschmerztagebuch: Kopfschmerztage und mögliche Auslöser notieren, etwa Stress, Schlaf, Knirschen. Das hilft auch bei der ärztlichen Abklärung.

Wann Kopfschmerzen ein Notfall sind

Wähle sofort den Notruf 144, wenn

  • der Kopfschmerz schlagartig einsetzt und der stärkste ist, den du je hattest,
  • Lähmungen, Taubheitsgefühle, Sprach- oder Sehstörungen oder Verwirrtheit dazukommen,
  • Fieber und Nackensteife auftreten,
  • die Kopfschmerzen nach einem Sturz oder Schlag auf den Kopf beginnen.

Ärztlich abklären lassen solltest du außerdem Kopfschmerzen, die nach dem 50. Lebensjahr neu auftreten, die sich über Wochen verstärken, die dich nachts wecken oder morgens mit Erbrechen einhergehen, Kopfschmerzen in der Schwangerschaft und wenn du sehr häufig Schmerzmittel brauchst. Bist du über 50 und schmerzt die Schläfe neu, vor allem mit Schmerzen beim Kauen oder Sehstörungen, lass das noch am selben Tag ärztlich ansehen. Dahinter kann eine Entzündung der Schläfenarterie stecken.

CRANii ersetzt keine Diagnose oder Therapie.

Häufige Fragen zu Kopfschmerzen vom Kiefer

Können Kopfschmerzen vom Kiefer kommen?

Ja. Die internationale Kopfschmerzklassifikation führt einen eigenen Kopfschmerz, der einer Funktionsstörung des Kiefergelenks oder der Kaumuskeln zugeschrieben wird. Er liegt meist an der Schläfe und wird durch Kieferbewegungen stärker.

Woran merke ich, dass meine Kopfschmerzen vom Kiefer kommen?

Hinweise sind Schmerzen an den Schläfen, die morgens schon da sind oder beim Kauen stärker werden, müde Kaumuskeln, Kieferknacken oder abgeschliffene Zähne. In der Untersuchung wird unter anderem geprüft, ob Druck auf Schläfen- oder Kaumuskel deinen bekannten Kopfschmerz auslöst. Sicherheit gibt eine zahnärztliche und ärztliche Untersuchung.

Ist ein Kopfschmerz vom Kiefer dasselbe wie ein Spannungskopfschmerz?

Nein. Die Klassifikation führt beide getrennt. Sie können aber gemeinsam auftreten, und bei beiden ist die Muskulatur oft druckempfindlich. Welche Form du hast, klärt die ärztliche Untersuchung.

Was ist der Unterschied zwischen Spannungskopfschmerzen und Migräne?

Spannungskopfschmerzen sind dumpf und drückend, meist auf beiden Seiten, und werden bei Bewegung nicht schlimmer. Migräne pocht oft einseitig, wird bei Bewegung stärker und kommt häufig mit Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit.

Quellen

  1. Headache Classification Committee of the International Headache Society (2018): The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition. Cephalalgia. PubMed

  2. Bendtsen L et al. (2010): EFNS guideline on the treatment of tension-type headache. Eur J Neurol. PubMed

  3. Bogduk N (2001): Cervicogenic headache: anatomic basis and pathophysiologic mechanisms. Curr Pain Headache Rep. PubMed